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Der Moment, wenn man ein neues Buch in der Hand hält. Behutsam darüber streicht. Die Kanten sanft mit dem Finger entlangfährt. Einmal durchblättern und nicht die leiseste Ahnung haben, was einen erwartet. Daran riechen. Neu. Aufregend. Und wenn man dann die erste, leere Seite überblättert hat, wird es spannend. Oder gruselig. Romantisch.
Wir lesen Bücher und stellen sie unachtsam in eine Ecke. Wir lesen Bücher und stellen sie behutsam in’s Regal. Ich habe mal ein Buch in der Straßenbahn vergessen. Und während ich früher genau ein Lieblingsbuch hatte, kann ich mich heute nicht entscheiden – so viele fabelhafte Geschichten, besondere Einbände, lustige Klappentexte.
Wir sammeln Bücher. Verfluchen sie, – aber nur dann, wenn wir sie nicht verstehen. Wir verschlingen sie, – weil wir nicht erwarten können, zu erfahren, wie es weiter geht. Lesen einige Geschichten immer und immer wieder, – weil es eben passt. 

Wenn Bücher sich aussuchen könnten, wer ihre kostbaren Zeilen lesen darf, würde es dann Bibliotheken geben, in denen Menschen feinsäuberlich nach Buchstaben sortiert stünden? Würden wir uns darauf bewerben? Nach welchen Kriterien würde ausgesucht? Würden wir dieses Privileg zu schätzen wissen?

Ich habe alles mit dir geteilt: mein Wissen, meine Gefühle, Erinnerungen.
Ich habe dich ausgesucht. Du hast mich gelesen. Du musstest nie zwischen den Zeilen suchen, ich habe es dir vorgetragen. Dazu unzählige Randnotizen. Ich hab’ mich erklärt. Lag aufgeschlagen und schutzlos vor dir. Ich habe mit allem gerechnet. Habe den Schmerz schon in der Magengrube gespürt. Aber ich habe es trotzdem getan. Immer und immer wieder. Es hätte doch regnen können.
Und du hast mich gelesen, verschlungen und ein paar Zitate markiert. Du hast gesagt, ich sei dein Lieblingsbuch. Und dann kam dieses eine Kapitel. Irgendwie dunkler als die anderen, irgendwie anders. Verstörend vielleicht. Glaub mir, nicht nur für dich. Und alles was du tust, ist gehen. Du rennst nicht. Du läufst nicht rückwärts. Du gehst. Demonstrativ. Nicht ausversehen. Nicht, weil man eben weiter geht. Du verlässt mich. Willst mich bestrafen. Ein Exempel statuieren. Wieder. Schon wieder. Und ich kann mich nicht rühren. Wie ein Käfer liege ich auf dem Rücken, zappelnd, ausgeliefert. Ich schreie. Aber du hältst dir die Ohren zu. Ich will dich schütteln. Besänftigen. Erinnern. Und alles, was du tust, ist weiter gehen. Demonstrativ. Grausam. Grausam, weil du genau weißt, was du tust. Was ich fühle.
Ich habe dich ausgesucht. Du hast mich gelesen. Du musstest nie zwischen den Zeilen lesen, ich habe es dir vorgetragen. Dazu unzählige Randnotizen. Ich hab’ mich erklärt. Lag aufgeschlagen und schutzlos vor dir. Du hast ein paar Seiten ausgerissen. Sie mitgenommen. Und ich weiß nicht mal, ob du sie bedächtig verstaut hast und gelegentlich wieder herauskramst oder einfach, wie ein altes Taschentuch, versehentlich mit dir herumträgst.

Ich habe alles mit dir geteilt: mein Wissen, meine Gefühle, Erinnerungen.
Du bist mein menschliches Tagebuch gewesen. Und andersherum. Wir haben uns gelesen und quer über die Seiten Neues geschrieben. Ergänzt. Die Geschichte sollte nie enden. Wir haben einander berührt.

Jedes Buch, das ich gelesen habe, ist versehen mit Bleistiftnotizen. Jedes Zitat, das mir gefällt, mich überzeugt, das unterstreiche ich und übertrage ich handschriftlich in mein Notizbuch – mit dem Namen des Autors versehen.
Ich stehe hier im Bücherregal. Du bist gegangen.
Ich habe Deine Zitate noch, werde sie nie ausradieren. Ich erinnere mich gern an Deine Geschichte, auch, wenn ich nicht weiß, wie sie weiter geht. Male mir die verschiedensten Szenarien aus, wie es dir wohl heute gehen könnte.
Ob ich dich noch mal auswählen würde? Ob ich dich wieder meine Zeilen lesen lassen würde? Ich weiß es nicht. Denn jetzt, da Du weg bist, fühle ich mich unvollständig. Ausgelesen. 

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DSC_9540DSC_9522DSC_9525DSC_9523Fotos – Julie Schönewolf 

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