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Gezeiten
– VON EBBE UND FLUT

I am holding on
onto you
I am here
patiently waiting
for you to come home

and even though I am running away
and going further

wherever I wander
I will always be here for you
you can come home
whenever you’re ready

that’s what you told me once
and that’s what I tell you now
I am holding on
onto us
I love you

Am Meer sitzen, aufs Wasser gucken, beim Sein zusehen und den Horizont nach Wer-weiß-was absuchen. Unermüdlich beobachten, wie die Wellen – so ähnlich und doch jede auf ihre Art wunderschön – kommen und gehen. Immer größer werden, mächtiger, stärker, schließlich brechen und sich im Sand verlieren, zurückziehen und das mitnehmen, was sie tragen können. Wohin eigentlich? Das Wasser – wie es sich gleichmäßig wiegt. Kommt und geht. Nimmt und gibt. Ruhig wird und doch immer wieder wild. Aus eigener Kraft und dann, weil der Wind weht. Und wie sich der weiße Schaum genau an die Welle schmiegt, die für ihn gemacht zu sein scheint.
Kommt und geht. Kommt und geht.
Beständig im Unbeständigen.
Unendlichkeit.

Du legst mir deine kalten Finger auf den Unterarm, willst meine Hand nehmen. Und ich ziehe langsam meinen Arm vom Tisch, vergrabe meine Hände im Schoß und halte mich an mir selbst fest. Du schaust mich an und ich nicht mehr zurück. Ich merke, wie mir die blaue Farbe aus den Augen läuft. Ich schaue immer wieder flüchtig über die Schulter oder auf meine Uhr.
„Es ist Zeit, zu gehen“, sage ich dann und kehr dir den Rücken.
„Es ist Zeit, zu gehen“, sage ich und geh, weil ich gehen muss, und ich kann gar nicht erklären, wieso. Ich weiß nur, dass es gerade nicht anders geht.
Gezeiten.

Ich bin ans Meer gefahren, aber es ist gar nicht da. Ich habe Wellen gesucht und nur das weite Nichts gefunden. Bin voller Erwartungen auf den Deich gerannt und jetzt stehe ich hier oben und das Watt liegt ausgebreitet vor mir. Es ist viel zu kalt, um sich hinzulegen, viel zu leise, um still zu sein. Ich schaue in den Himmel, auf der Suche nach Wolken – zum Zudecken, Überdecken. Der Wind treibt mir den Sand in die Augen und endlich mach ich sie zu. Es ist ganz ruhig. Aufregung zieht sich zurück, Lärm auf einmal gedämpft. Und Zweifel knabbern sich durch meine Haut wie Wattwürmer durch den feuchten Sand – durch das, was wir hatten, und die Erinnerungen trocknen aus.

Ich habe lange nichts von Dir gehört.
Ich habe lange nichts von mir gehört.
Ich lasse die Stille walten und atme. Langsam und gleichmäßig.
Ich liege ausgebreitet vor mir. Kilometerbreit. Ausgeliefert.
Anklagend schaue ich hinauf zum Mond. Kann ihn nicht sehen und fühle nur, was er mir genommen hat.
Ebbe.

Ich lege dir meine kalten Finger auf den Unterarm, will deine Hand nehmen. Und du ziehst langsam deinen Arm vom Tisch, vergräbst deine Hände im Schoß und hältst dich an dir selbst fest. Ich schau dich an und du nicht mehr zurück. Ich merke, wie mir die blaue Farbe aus den Augen läuft. Du schaust immer wieder flüchtig über die Schulter oder auf deine Uhr.
„Es ist Zeit, zu gehen“, sagst du dann und kehrst mir den Rücken.
„Es ist Zeit, zu gehen“, sagst du und gehst, weil du gehen musst, und du kannst gar nicht erklären, wieso. Du weißt nur, dass es gerade nicht anders geht.
Gezeiten.
Ich laufe los, dir hinterher. Das ist ein Impuls und das Licht. Den erste Schritt ins Watt. Und ich laufe Richtung Horizont. Wohlwissend – niemals dort ankommen zu können. Aber man kann es ja doch mal probieren.

Slide

Halt mich fest. Lass mich damit nicht allein. Lass mich hier nicht allein. Lass meine Wellen an Dir brechen. Sonst schwemmen sie mich wieder davon. Treiben mich raus. Weit weg von Dir.
Flut.
Und Du stehst vor mir. Anteilnahmslos beinah. Wie ein Spaziergänger am Strand, der gerade einen Gedanken zu greifen versucht, kurz stehen bleibt, seufzt und in jedem Augenblick einfach weitergeht.
Ebbe.

Ich musste loslassen, um wieder festhalten zu können.
Ich musste gehen, um wiederzukommen.
Kommen und gehen.
Loslassen und festhalten.
Auf und ab.
Beständig in Unbeständigkeit.
Gleichmäßige Veränderungen.
Loslassen im Vertrauen.
Ich lass Dich jetzt gehen, bis Du wiederkommst – aus eigener Kraft, weil der Wind weht, der Mond nachlässt. Und bis dahin werden die Wellen, ganz langsam zwar, aber beständig, die Sehnsucht und den Schmerz herausspülen, mit sich nehmen – wohin auch immer.
Ich lass Dich jetzt gehen, bis Du wiederkommst. Bis es für mich an der Zeit ist, zu gehen. Und ich kann nur hoffen, dass dieses Schaltjahr uns den gemeinsamen Rhythmus wiedergibt.

Halt mich fest. Lass mich damit nicht allein. Lass mich hier nicht allein. Lass meine Wellen an Dir brechen. Sonst schwemmen sie mich wieder davon. Treiben mich raus. Weit weg von Dir.
Flut.
Und Du stehst vor mir. Anteilnahmslos beinah. Wie ein Spaziergänger am Strand, der gerade einen Gedanken zu greifen versucht, kurz stehen bleibt, seufzt und in jedem Augenblick einfach weitergeht.
Ebbe.

Ich musste loslassen, um wieder festhalten zu können.
Ich musste gehen, um wiederzukommen.
Kommen und gehen.
Loslassen und festhalten.
Auf und ab.
Beständig in Unbeständigkeit.
Gleichmäßige Veränderungen.
Loslassen im Vertrauen.
Ich lass Dich jetzt gehen, bis Du wiederkommst – aus eigener Kraft, weil der Wind weht, der Mond nachlässt. Und bis dahin werden die Wellen, ganz langsam zwar, aber beständig, die Sehnsucht und den Schmerz herausspülen, mit sich nehmen – wohin auch immer.
Ich lass Dich jetzt gehen, bis Du wiederkommst. Bis es für mich an der Zeit ist, zu gehen. Und ich kann nur hoffen, dass dieses Schaltjahr uns den gemeinsamen Rhythmus wiedergibt.

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