menu-icon-luise-closing

Search

Deine Augen

W I E  D U  M I C H  (A N) S I E H S T

New York City, Augen und Fenster 

Ich bin zwei Jahre lang nicht hier gewesen. Und in dem Moment, in dem ich das Flughafengebäude verlasse, steigt mir augenblicklich der Geruch in die Nase, der mich an mich erinnert. An die, die hier vor vier Jahren das erste Mal angekommen ist. Ich laufe durch die Straßen New Yorks, die ich damals als eine andere entlang spaziert bin. Entdecke meine Fußabdrücke im Schnee und versuche wieder an ganz genau dieselbe Stelle zu treten – und es gelingt mir. Triumphierend grinse ich in mich hinein. Die riesigen Fenster der Stadt gucken mich gierig an und spiegeln so viele Versionen von mir. „Kann ich mir eine aussuchen?“, rufe ich und ein Echo hallt mir entgegen. Sirenen so laut, dass ich die Gegenwart gar nicht mehr hören kann. Die mir vertraute Melodie ruft so vieles wach, was da noch irgendwo in mir schlummert. Hinter den Fenstern blicke ich in die Augen derer, die ich zwei Jahre nicht gesehen habe, und es spiegelt sich eine jüngere Version meiner selbst darin. Während ihr mich anschaut, suchen wir nach sichtbaren Veränderungen. „Du siehst erwachsen aus“, sagt er und grinst mich an. Ganz genau so wie immer. Bloß dass immer schon lange vergangen ist. Er streicht mir eine Strähne hinters Ohr, obwohl ich das doch jetzt nicht mehr so trage, und ich weiß, dass er die Zeit, die vergangen ist und uns auseinandergetrieben hat, schon nicht mehr sieht, und ich denke zurück daran, wie schön es war und leicht und jung. Mein Platz in seinen Armen ist noch warm.
– Vertraute Umgebungen, in denen man oft aber lange nicht mehr gewesen ist, speichern eine andere Version von uns. Und es ist so einfach, fühlt sich so vertraut an, so verlockend, da wieder hineinzuschlüpfen, wie in ein altes Lieblingsteil. Wieder die Alte zu sein, weil man die ja sowieso schon mal war und sie ihren Platz hier hat und das Zurückkommen doch so viel leichter erscheint als Wiederzukommen – in die Stadt, die niemals schläft, in der am Tag so viel Neues eröffnet, deren Lärm immer lauter zu werden scheint und die bei all den Veränderungen doch immer dieselbe bleibt.
Doch bevor ich mich gänzlich zurückfallen lasse, halte ich mich doch noch an mir selbst fest.
An der, die ich heute bin.

Jetzt: Ganz fest an mich selbst glauben.
An die, die ich heute bin. 

Slide

Dresden, Raufasertapete  

Wir haben einen alten Beamer – bei Oma auf dem Dachboden steht der. Daneben ganz viele Dias. Und dann die alten Videokassetten, die Handschrift meines Vaters. Alles fein säuberlich sortiert. Nur weiß keiner wonach. Und dann und wann erstrahlt eine Erinnerung nach der nächsten an der vergilbten Tapete. Manchmal haben wir eine Leinwand aufgehängt. Auch die ist vergilbt gewesen. Aber das spielte keine Rolle, denn die meisten Aufnahmen haben sowieso kaum mehr Farbe und weil jeder von uns sowieso so viel mehr darin sieht, als tatsächlich zu erkennen ist.
„Heute schauen wir mal etwas von dir!“, sagen sie. Das Bild flackert. Ich trage diese braune Jacke, die mir damals viel zu groß gewesen ist. Mir. Das bin ich. Die, die da als Dreikäsehoch über den kalten Ostseestrand, und heute hier doch nur die Raufasertapete, entlang rennt. Kurze Beine. Weißblondes Haar. „Papa!“, rufe ich. Ich grinse, ich lächle. Ja, das bin ich, denke ich. Und doch eben nicht. Das ist deine Erinnerung an mich. Aber ich, die ich hier sitze, habe doch gar nichts damit zu tun. Das ist eine Videoaufnahme von mir. Vielleicht ein Abbild deiner Erinnerung an eine Zeit, die ich zwar offensichtlich gelebt, aber nicht erlebt habe. Ist mir das jemals passiert, wenn ich mich doch gar nicht daran erinnern kann? Du hast mir so oft davon erzählt, während wir die Gegenwart versäumten. Seit immer hast Du versucht, so vieles wie nur möglich auf Band festzuhalten und mich erst durch die Linse Deiner Kamera und schließlich Deines Smartphones angelächelt.
– Eure Augen blicken gebannt auf die Wand und ich weiß nicht, wann wir uns das letzte Mal in die Augen gesehen haben. Schau mich an, halt das Hier und Jetzt fest. Halt mich fest. Im Arm. Wir fotografieren alles und jeden Moment. Als ob eine Erinnerung nur aus Farben und Formen bestehen würde. Als könnten wir irgendetwas damit festhalten. Mit Fotos und Videos und Briefen und Tagebüchern speichern wir eine Dimension. Und wenn wir das ansehen, anhören, durchlesen – dann kommt dazu: deine Wahrnehmung. Deine Interpretation meines Seins. Da war nie wirklich Platz für alles, was danach ist. Für die, die ich heute war und bin. Also: Es sind so viele Vergangenheiten, die du ansiehst. Und auch wenn wir heute vorm Bildschirm sitzen und alle dieselben Bilder sehen, fühlt sich das doch anders an. Du schaust so glücklich und selig in die Vergangenheit, dass es sich anfühlt, als wäre mein Jetzt nicht genug. Du klammerst dich an etwas, was jetzt nicht mehr ist und ich fühle mich unvollständig, nicht genug. Ich schaue an die Wand, in meine Augen, die noch immer die selben sind und so viel mehr. Ich schick dir ein Foto von mir ein paar Wochen später und ich weiß, dass du es dir lange ansiehst. Eindimensional. Und damit schon zu viel. Sortier es ein, wie auch immer es Sinn für dich ergibt. 

Spiegel, Selbstportrait

Ich sitze hier auf dem grauen Kunstledersofa im Eingangsbereich der Universitätsbibliothek. Meine Tasche steht auf dem senfgelben Teppichboden und ich beobachte die Studierenden. Die Tische sehen jetzt ein bisschen anders aus und die Gesichter haben sich verändert – aber sonst? Ich bin heute Morgen in den Zug Richtung meiner Unistadt gestiegen und nach zwei Stunden in einer anderen Zeit wieder herausgekommen. Ich laufe durch diesen Ort, der Vergangenheit bedeutet, und halte vergeblich Ausschau nach einem mir bekannten Gesicht. Als ich mir heißes Wasser über die kalten Finger laufen lasse, entdecke ich im Spiegel eins. Ich bin gar nicht älter geworden, denke ich und binde meine Haare zusammen. Ich trage einen beigefarbenen Pullover, dazu die braune Jacke und meine grünen Augen gucken mich misstrauisch an. Ich gehe zu meinem Spind, Nummer 122, und stecke eine Marke hinein. Lasse sie immer wieder durchrutschen, drehe ein paarmal am Schlüssel und schließe doch nichts ein, trage es mit mir herum.
– Es hat sich nichts verändert, denke ich und finde dabei meinen angestammten Platz nicht mehr, weil es den nicht mehr gibt. Und dabei schaffe ich es nicht, zu erkennen, dass ich es bin, die jetzt anders ist. Dass ich die Dinge anders betrachte, weil ich … Und vor allem schaffe ich es nicht, mich doch endlich selbst anders, anerkennend nämlich, anzusehen. Ich sehe das, was sich noch ändern soll und wird, und nicht das, was bereits anders ist oder immer noch so ist, weil es gut war und ist und sein wird. 

Deine Augen, Liebe 

Also: ich lass mich noch immer am liebsten von Dir ansehen. Zwischen all den Blicken, all den Augen sind mir Deine noch immer am liebsten. Und während wir früher nie aufhören konnten einander anzusehen, ist der Abstand heute meistens zu groß. Jeden Morgen schaue ich aus dem Fenster Richtung Südosten zu Dir. Spüre Deinen Blick auf meiner Haut, wenn die Sonne aufgeht. Dein Schmerz verschwamm im Blau meiner Augen.

– Ich lass mich noch immer am liebsten von Dir ansehen, weil Du mich wirklich ansiehst. So wie ich bin. Jeden Tag anders. Du siehst ganz genau hin, wechselst die Perspektive – willst jede meiner Seiten sehen und wenn ich mich wegdrehe, etwas verberge, dann schließt Du deine Augen und fragst nach und fühlst nach, berührst, streichst mir sanft eine Strähne aus dem Gesicht, um die Blindenschrift auf meiner Haut zu lesen und zu verstehen. Du siehst hin. Siehst wirklich hin, ohne hinzusehen. Im Hier und Jetzt. Immer wieder. Ohne müde zu werden.
„Weil mein Bild von Dir nie vollständig sein kann und ich es trotzdem versuchen will“,
hast Du gesagt
und gemeint
und geliebt. 

Slide Audio Layer

Fotos – Konstantin Walther 

Kommentare

Seiten:1 188 189 190 191 192
Schreibe einen Kommentar