menu-icon-luise-closing

Search

IMG_7362 ostsee2

Die See tobt. Eine Welle überschlägt die nächste. Der Wind pfeift über die Dünen. Der Strand ist  ehrfürchtig zurück gewichen. Und das Meer peitscht erbarmungslos weiter. Irgendwo kreischt eine Möwe. Der Himmel hat die unterschiedlichsten Grautöne angenommen. Ein Spektakel. Ein eisiges Willkommen. Im Juli.
Und ein paar Stunden später ist es ganz ruhig. Du musst nur durchhalten. Dann lässt der Wind irgendwann nach. Die Wellen ziehen sich zurück. Die Wolken machen Platz für Sonnenschein.   Alles wirkt unberührt. Friedlich. Irgendwie ganz unbeteiligt. Nur das Seegras zeigt noch, welche Aufregung hier gerade herrschte. Füße im weichen Sand vergraben. Wohlfühlen.
Das ist ein Test, eine Probe.
Bist du noch da? Oder gerade erst gekommen?

Mystisch. Unberechenbar. Endlos. Launisch. Und wunderschön.
Genau wie sie. Genau so unberechenbar wie das Meer seit Jahrhunderten, Jahrtausenden, für sie seit Jahren war, so undurchschaubar war sie selbst.
Ihre Augen hatten die Farbe des Meeres. Es schien, als gäbe es eine magische Verbindung. Mal Dunkelgrau, giftgrün, dann ein sanftes Türkis. Unergründlich. Und wenn sie die Augen schloss, dann hörte sie das Rauschen des Meeres. Egal wann, egal wo und egal wie viele Leute sie gerade umgaben. Wenn sie die Augen schloss, dann hörte sie das Rauschen des Meeres. Wie ihren eigenen Herzschlag. Verlässlich.

Ein Mal im Jahr. Arme ausbreiten. Tief einatmen. Drehen. Lachen. Schneller drehen. Fallen lassen.  Und liegen bleiben. Verdammt noch mal liegen bleiben. Ehrlich sein. Endlich ehrlich sein. Zu ihr selbst. Endlich frei. Wie ein offenes Buch lag sie am Strand. Lauschte. Und hätte – wenn irgendwer da gewesen wäre – alles erzählt, was sie beschäftigte. Ohne Metaphern, ohne beschönigende Nebensätze, ohne überspielendes Lächeln. Alles. Die dreckige Wahrheit, die unschönen Hinteransichten, die Traurigkeit und den Stolz.
Denn das Meer betäubte sie, ihre Ängste und das Misstrauen, dass sie jedem entgegenbrachte, dem sie begegnete. Ganz gleich wie behutsam man sie zu berühren versuchte.
Im echten Leben merkte man ihr das nicht an. Die Unaufmerksamen. Im echten Leben, im Alltag, würde man sie als extrovertiert bezeichnen. Redselig. Ihre schweigsame Art hatte sie bereits vor einigen Jahren abgelegt. Sei nicht immer so ruhig! Erzähl doch mal was! Und seitdem erzählte sie. Wie gut, dass die meisten Menschen nicht hinhörten. Nicht zuhörten. Nicht begriffen, dass hier nur an der Oberfläche gekratzt wurde. Aber die ist immerhin schön warm. Sie erzählt. Und lächelt. Und vergisst dabei manchmal selbst, dass sie sich das vor einiger Zeit noch aufgezwungen hatte. Legt etwas ab, oder zieht etwas auf – sie wusste es selbst nicht mehr. Heute wirkt sie sympathisch, ein Lächeln auf den Lippen, aufgeschlossen. Wie sehr hatte sie sich das gewünscht. Nicht, dass sie vorher nicht liebenswert gewesen wäre, aber jetzt ist es offensichtlicher. Manch’ einer würde sagen, dass sich das jahrelange Beobachten ausgezahlt hat, denn jetzt sind alle Augen auf sie gerichtet. Aber daran, so fühlte sie, ist nichts Wünschenswertes. Wer hätte das gedacht.

Ein Mal im Jahr. Arme ausbreiten. Tief einatmen. Drehen. Lachen. Schneller drehen. Fallen lassen.  Und liegen bleiben. Verdammt noch mal liegen bleiben. Ehrlich sein. Endlich ehrlich sein. Zu ihr selbst. Endlich frei. Wie ein offenes Buch lag sie am Strand. Lauschte. Und hätte – wenn irgendwer da gewesen wäre – alles erzählt, was sie beschäftigte. Ohne Metaphern, ohne beschönigende Nebensätze, ohne überspielendes Lächeln. Alles. Die dreckige Wahrheit, die unschönen Hinteransichten, die Traurigkeit und den Stolz.
Den Blick in den Himmel gerichtet, erinnerte sie sich daran, dass sie es versucht hatte. Das ist alles, was sie zu ihrer Verteidigung zu sagen hat. Es sind nicht immer die anderen Schuld. Natürlich nicht. Aber – und sie ärgerte sich über dieses aber – bisher waren sie immer gescheitert.
Denn sie hatte es gewagt. Sie hatte probiert, ihm etwas zu verstehen zu geben. Sie hatte geweint. Sich angreifbar gemacht. Verletzlich. Und es wurde schamlos ausgenutzt. Oder hatte sie einfach zu viel erwartet? Sie hatte erwartet, dass er besser ist, als er es war. Sie hatte gehofft, dass man bis zum Schluss zuhörte. Aber dann war irgendeine andere Geschichte interessanter, lustiger, farbiger, lauter. Oder war es ihre Stimme, die zu durchdringend war? War das zu viel für eine Person?  Jeder schreit nach Ehrlichkeit, aber wenn es regnet, spannt ihr den Schirm auf.
Sie streckte immer wieder mutig ihre Fühler aus. Nahm all’ ihren Mut zusammen. Manchmal wurden die Wellen stärker. Forsch. Herausfordernd. Neugierig. Aber sie kamen doch nie über den Deich. Aber wer schützt sich hier eigentlich vor wem?

Ein Mal im Jahr. Arme ausbreiten. Tief einatmen. Drehen. Lachen. Schneller drehen. Fallen lassen.  Und liegen bleiben. Verdammt noch mal liegen bleiben. Ehrlich sein. Endlich ehrlich sein. Zu ihr selbst. Endlich frei. Wie ein offenes Buch lag sie am Strand. Lauschte. Und hätte – wenn irgendwer da gewesen wäre – alles erzählt, was sie beschäftigte. Ohne Metaphern, ohne beschönigende Nebensätze, ohne überspielendes Lächeln. Alles. Die dreckige Wahrheit, die unschönen Hinteransichten, die Traurigkeit und den Stolz.
Sie hätte erzählt, wie schmerzlich es ist, im Abseits zu stehen. Sie hätte beschrieben, wie es einen zerreißt, wenn man nichts gegen die Grausamkeit der Entfernung tun kann. Selbst dann nicht, wenn man sich endlich wieder in die Augen sehen kann. Weil man es eben nicht kann. Sie hätte bis ins letzte Detail geschildert, was der letzte Sommer für sie bereit gehalten hatte. Und hätte vielleicht sogar selbst bemerkt, ja sogar verstanden, dass sie schon vor so vielen Jahren gebrochen wurde.
Sie hätte das erste Mal wirklich gesprochen, preis gegeben.
Aber niemand war da. Kein offenes Ohr.
Außer einiger Muscheln. Sie umschlossen all’ das. Weil sie erkannten, wie wertvoll Worte sind. Und das Meer trug die Sorgen davon. Spülte die Tränen, die ohnehin aus Ostseewasser bestanden, weg und verschluckte jedes ihrer schmerzlichen Geheimnisse. Und sie tat es dem Meer gleich.
Es schien, als gäbe es eine magische Verbindung.
Perlentaucher, – wunderbar und gefährlich – wo bleibst du?

Ein Sonnenuntergang. In dem Moment, wenn die Sonne den Horizont küsst, beginnt der hinterlistige Wind wieder zu blasen. So sanft, dass nur die schmalen Gräser der Dünen dem aufmerksamen Beobachter verraten, was sich hier anbahnt. Niemand bemerkt es. Denn alle Augen sind auf die verschwindende Sonne gerichtet, auf das Licht, das entzückend auf den sanften Wogen des Meeres tanzt. Ihr legt eure Arme umeinander. Der Sand ist noch heiß vom Tag. Das fühlt sich gemütlich an. Ein Lachen geht durch die Runde. Vorfreude. Einen lauen Sommerabend hat euch die Ostsee beschert. Ihr kehrt ihr den Rücken.
Und nur die Nacht hört das Kreischen, wenn die Wellen auf die Buhnen schlagen. Nur der Mond sieht den Kampf, den Meer und Strand gegeneinander führen. Tragisch. Alpträume. 

Du bist noch da? Hörst du es? Verstehst du es?
Ja. Mystisch. Unberechenbar. Wunderschön. Aber in dem Moment, in dem du denkst, dass du irgendwas verstanden hättest, durchschaut hast, stellst du fest, dass es keinen Sinn ergibt. Denn selbst wenn kein Lüftchen weht, selbst wenn keine einzige Welle das klare Bild des Ozeans zu stören wagt, wirst du nie sehen, was sich am Grund des Meeres abspielt.
Sieh’ hin! Tauch ein! Probier dein Glück. Vielleicht triffst du eine Meerjungfrau. Aber du weißt doch, was das heißt: lass dich von ihrem Gesang nicht täuschen! 

ostsee1ostseeIMG_7141ostsee3IMG_7418

Fotos – Nele (@_nele__f)
bearbeitet von Vanessa Thiel 

Kommentare

  • Ich liebe deine Texte! Sie drücken Erfahrungen, Bilder und vor allem eines, Ehrlichkeit aus. Und auch sind die Fotos so unglaublich schön!
    Allerliebst
    Madame extraordinaire

    19. Juli 2015
  • Wow! Dein Text ist mal wieder extrem gut geschrieben! Auch dass du ihn dieses Mal in eine Art Geschichte verpackt hast, finde ich super. Du hast es wirklich geschafft, mich für einen kurzen Moment von meinem Klausurenphase-Tief in einen magischen Tag am Meer zu entlocken. Wunderschön geschrieben, wirklich. Und Kompliment für die Ehrlichkeit. Und die Bilder sind natürlich auch mal wieder extrem schön und sehr passend zum Text:) Liebe Grüße!

    19. Juli 2015
  • Sprachlos, einfach wunderschön wie der Text mit den Bildern harmoniert. Atemberaubend, wie der Text den ohnehin schon epischen Bildern noch mehr Ausdruck verleiht.

    Liebst, Luna!

    19. Juli 2015
Seiten:1 2 3 258
Schreibe einen Kommentar