menu-icon-luise-closing

Search

Der erste Flieger. Von Berlin nach München. Es ist 6:35 Uhr, ich sitze bereits auf meinem Platz am Gang und fahre mir verschlafen durch die blonden Haare. Trage eine Jeans und T-Shirt, schicke Sandalen und Make-Up. Ich bin 24. Neben mir ein Mann Mitte 50. Er liest Zeitung. Trägt einen Anzug. Nickt mir verlegen zu, als ich mich neben ihn setze.
Ein weiterer Anzugträger nähert sich unserer Reihe. Ich erkenne, wie er angestrengt nach seinem Platz sucht. Es muss 14A sein. Meine Reihe – am Fenster. Ich schaue ihn an. Er kommt näher. Und es fühlt sich fast an, als würde er mich einfach nicht entdecken wollen. Als er unmittelbar neben mir steht, bittet er den Mann neben mir, ihn doch auf seinen Sitzplatz zu lassen. Bis jetzt hat er mich nicht angesehen. Nicht begrüßt. Nicht gefragt.
Ich stehe auf. Lasse ihn durch. Sehe ihn nie wieder. Und fühle mich übergangen.
Die Tage, an denen es mir unangenehm war, den ersten Flieger nach München, Düsseldorf oder woauchimmerhin zu nehmen, weil man dann eine der wenigen Frauen in der Kabine ist – sind lange vorbei. Aber dieses Ereignis erinnert mich daran, wieso es mir gelegentlich so ging. Wieso ich mich unwohl fühlte. Irgendwie fehl am Platz, obwohl ich mir den so hart erarbeitet habe.
Am Abend. Ich fliege zurück.
Beschämt. Es gibt doch die neue Zugstrecke. In unter 4 Stunden. Ich vermerke das. Nächstes Mal mache ich es besser, nehme ich mir vor. Und werde dann abgelenkt von dem Gespräch der beiden Frauen hinter mir in der Schlange. Es geht um „Gendering“, korrekte Schreibweisen und dass sie das irgendwie nicht verstehen, nicht brauchen und Gleichberechtigung auf anderen Ebenen wünschen. Ich verstehe sie. Nicke irgendwie. Und drehe mich reflexartig um, als eine der beiden „Diese Feministinnen überall, so nervig!“ ruft und mehrere in der Schlange ihr daraufhin zunicken oder mit einem grunzenden Grinsen Zustimmung vermitteln. 

Feministinnen haben Achselhaare und verbissene Falten auf der Stirn.
Bloggerinnen sind selbtverliebt und oberflächlich.
Und Anzugträger bleiben lieber unter sich.
Was das mit Politik zu tun hat?
Was pinke Bänke, Vorurteile, Respekt, Zeitung lesen oder nicht lesen, Wein an endlosen Abenden, Konzertbesuche, Fashionbrands und dieser Blog hier – mit Politik zu tun haben? Darum soll es ab sofort in meiner neuen wöchentlichen Kolumne gehen. Politik, das sind Fakten und Gesetze, Regeln und klare Linien. Strenge Politiker. Lange Reden und leere Worte. Politik ist streng und steif. Und Blondies haben damit nichts am Hut. Lass mal lieber die Finger davon und steck Dein Näschen in `ne Modezeitschrift (die übrigens durchaus auch etwas mit Politik zu tun haben kann!)
– Schluss damit!
Politik ist so viel mehr.
Politik ist Alltag. Und Emotionen.
Politik, – das fängt bei Dir und mir an.

Und habe mich in letzter Zeit: ziemlich bedeckt gehalten.
In der Schlange am Flughafen.
Und auch hier. Ich lese und lese und recherchiere, diskutiere und fürchte mich dann aber beinah mich hier zu äußern. Weil ich: damit schlechte Erfahrungen gemacht habe. Weil das bei einigen Bewegungen nicht gern gesehen wurde. Man mir Angst machen wollte. Und das Stück für Stück auch gelungen ist. Und als ich schließlich auf dem Polizeipräsidium saß und mir mit den Worten „Also junge Dame, dann hören Sie doch am besten einfach auf sich online politisch so zu äußern“ auch der letzte Funke Mut genommen wurde, machte sich vor allem Fassungslosigkeit breit. Die mich schließlich gelähmt hat.
Heute – 2 Jahre später – bin ich wieder beweglich. Und mutig. Habe mich aufgrund dieser Erlebnisse in den darauf folgenden Monaten im Jahr 2016 erstmal abgeschottet. In New York war mir deutsche Politik, sächsische Aufruhen und sonstige Überlegungen schlichtweg zu viel. Und während ich im letzten Jahr dann die halbe Welt bereist und dort von der Schönheit der Natur ebenso beeindruckt war, wie von der Armut anderer Menschen geschockt – hat sich vieles bewegt. Angeregt. Ich habe schnelle Schlüsse gezogen und werde die Spätfolgen mein Leben lang mit mir tragen. Mein Weltbild und Wille haben sich nochmal verändert und gestärkt.
Also heute – 2 Jahre später: Ab jetzt tue ich es. Wieder.
Mich äußern, meine ich.
Hier.
Öffentlich.
Und eben auch kritisch.
Denn: Klein beigeben – ist gerade nicht der richtige Weg.

Was ich mir wünsche also ist: dass wir uns austauschen und anschubsen, inspirieren und gerne auch mal die nackte Wahrheit präsentieren. Das wir ganz gezielt darüber sprechen, was uns bewegt und was wir bewegen möchten und schließlich dann auch endlich verändern. Was ich und wir hier final leisten können, ist noch unklar. (Es wird hier kein allumfassendes Informationsangebot entstehen, – ich hoffe das ist klar.) Also: hören wir auf einander zu unterschätzen, zu unterbuttern. Einander. Und auch uns selbst. Politik? Du kannst das! Und machst das ohnehin jeden Tag. Nicht nur zur Bundestagswahl, die du vielleicht verpennt hast. Nicht nur dann, wenn eine Demo ansteht, auf die alle Deine Freunde, und deswegen eben auch du gehst. Politik steckt in jeder Deiner Kaufentscheidungen. Ob Du Müll trennst oder eben nicht. Stehst Du für Gerechtigkeit ein? Hast Du die Petition unterschrieben? 
Was ich und wir hier final leisten können: Mut machen! Unterstützen! Dran bleiben und Position beziehen. Online politisch äußern. Meinungsfreiheit leben. Und nicht einschüchtern lassen. 

Also, kneift die Pobacken zusammen, lest Zeitung und hört Podcasts , statt dem Leben einer fremden Person hinterherzuspionieren und das 10. Top nachzukaufen, ohne darüber nachzudenken. Und lasst uns, unbeirrt der geistigen Grenzen anderer, so weitermachen. Zuhören und nachdenken und weiter machen. Nicht ausbremsen oder gar verstummen.
Und am liebsten würde ich jetzt zurück nach Dresden Gorbitz ins Jahr 2016 fahren und dem Kommissar meine Meinung sagen, mein jüngeres Ich in Schutz nehmen und auf dem Heimweg stützen, dann  aufpäppeln und mir schon damals selbst einprägen: Du darfst, kannst und musst das tun – also Stellung beziehen, politisch sein und Dich politisch äußern! Weiter kämpfen, auch wenn es mühsam ist und weh tut. Zuhören und darüber nachdenken, wenn es konstruktiv ist. Nicht einschüchtern lassen! Nicht in Schubladen stecken lassen. Nicht unterbuttern lassen.
Ich komme aus Dresden, meine Lieblingsfarbe ist pink, ich teile nicht alle Ansichten mit Professor Patzelt. Ich habe eine eigene Meinung und vor allem keine Angst mehr vor Arschlöchern. Ich bin emphatisch, manchmal vielleicht ein bisschen zu sehr. Höre zu, um zu verstehen. Finde zumeist Argumente für beide Seiten. Aber vor allem für die Menschlichkeit und für diesen Planeten. Also: da bin ich wieder! Herausgekrabbelt aus dieser Schublade, in die man mich gesteckt hat und die sich dann erstaunlich lange erstaunlich bequem angefühlt hat. Aber: da bin ich wieder!

Kommentare

  • Sarah

    Ich finde es so gut dass du dich nicht dafür entscheidest klein beizugeben bei solchen wichtigen Themen. Ich glaube dass Politik immer als ein Themenkomplex erscheint, der nur für (wie du es schon beschrieben hast) Anzugträger Ü50 interessant erscheint und dementsprechend nur diese Personengruppe Ahnung davon hat. Das stimmt aber so gar nicht. Politik geht uns alle etwas an & jeder hat eine Meinung dazu. Und die sollte man gut und gerne auch äußern. Auch mit Make-Up und pinkem Terminplaner.

    7. August 2018
  • Rieke

    Yes – das finde ich toll und stehe absolut hinter dir. Ich freue mich auf die wöchentlich Kolumne (obwohl mir deine weekly updates auch immer gefallen haben!). Du hast letztens in einer deiner Instastorys erzählt, dass der Blog, wie er gerade ist, nicht mehr zu dir passt und du dich nicht mehr damit wohl fühlst. Was wäre es, wenn du ihn zu einer Art Online Magazin à la editionf oder ähnliches umbaust, das politische Geschehnisse, Feminismus, Reisen und Mode unter einen Hut bringt? Natürlich würde das einiges mehr verlangen, wie Gastbeiträge und so weiter, aber irgendwie könnte ich mir das bei dir vorstellen.

    Bei dem Teil, wo du gendering und die korrekte Schreibweise angesprochen hast, musste ich ein bisschen schmunzeln, aber auch den Kopf schütteln. In den ganzen letzten Jahren ist mir so oft aufgefallen, dass du hauptsächlich die männliche Form benutzt selbst wenn du von dir selber sprichst und ich konnte es nie nachvollziehen. Die deutsche Sprache ist leider so männlich orientiert und ich finde es schade, dass viele Frauen bei so etwas elementarem nicht achtsamer sind. Natürlich kann es vollkommen übertrieben werden, aber manchmal weckt nur Radikalität die Gemüter.

    Anyways, ich freu mich auf hoffentlich mehr Betrieb auf dem Blog in nächster Zeit!

    7. August 2018
  • Janina

    Danke für deinen Mut, Luise. <3

    7. August 2018
Seiten:1 2 3 12
Schreibe einen Kommentar