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Diese schönen Fotos immer. Das ist doch gar nicht mehr ehrlich. Zu blond, zu fröhlich. Es ist zu sonnig. Alles irgendwie so lieblich. Dein Leben ist doch rosarot. Kurzum: Ich sei zu perfekt.
Vorwürfe, die ich mir in letzter Zeit immer wieder anhören musste. Und normalerweise rege ich mich über Menschen auf, die auf jede kleine Kritik überschwänglich reagieren und sich wild fuchtelnd verteidigen. Dafür, dass man man selbst ist. Ich sage dann, man solle mal ruhig bleiben und vor allem selbstsicher. Aber das ist doch viel einfacher gesagt, als getan. Dann ist der Drang sich zu erklären, die Gedanken offenzulegen und sich selbst zu rechtfertigen, plötzlich viel größer. Also, Vorhang auf für eine Rechtfertigung und dazu gibt es noch ungefähr 1500 Zeichen darüber, was ich vom neusten Instagram-/Bloggertrend halte:

Ich bin selbstsicher. Definitiv. Und ich weiß, dass ich nicht schlecht aussehe. Vielleicht nicht jedermanns Geschmack, aber ich bin nicht hässlich. Ich bin zwanzig Jahre alt, verdiene mein eigenes Geld, studiere und habe es mittlerweile geschafft, mich nicht völlig sozial zu isolieren – sagen wir es so: ich habe mein Leben unter Kontrolle, weiß wo es hingehen soll und habe morgens Zeit, mich in Ruhe mit meinen High End Produkten zu schminken.
Bisher ging ich immer davon aus, dass meine Texte, in denen ich meine Ängste schildere, dass Bilder, auf denen ich ungeschminkt bin – zeigen würden, Euch zeigen würden, dass ich nicht perfekt bin und das auch gar nicht verkörpern will. Aber ich habe keine einzigen Pickel. Schaue immer lieblich in die Kamera. Ihr nehmt mir das nicht ab. Entschuldigt, aber ich entschuldige mich nicht für meine reine Haut. Trotzdem weiß ich natürlich, was einige meinen. Und ich will es nicht leugnen: ich kenne und beherrsche auch diese Grimassen, die trotzdem gut aussehen. Ich trage Jogginghosen, die stylisch aussehen. Eine SelfieSession kann schon mal 10 Minuten dauern und ich stelle mich immer auf Zehenspitzen bei Ganzkörperbildern.
Aber mal ganz ehrlich? Und ich glaube, das ist keine Überraschung: ich habe Bad-Hair-Days, ich bin launisch. Ich habe unzählige Macken, bin rechthaberisch, kann zickig sein, aber auch viel zu schüchtern. Und ich habe hässliche Jogginghosen und Komplexe! 
Aber ich weiß, wie ich in die Kamera strahlen muss, um das kurzzeitig zu vergessen, mir nicht ansehen zu lassen. Ich weiß, wie ich mich hinstellen muss, damit man nicht sieht, dass ich mein Fitnessprogramm in den letzten Tagen nicht mehr so diszipliniert durchgehalten habe, wie ich es noch vor zwei Wochen online ankündigte. Ich zeige meine Partyexzesse nicht im Internet, erzähl’ Euch keine meiner Männergeschichten – weil das KleinstadtCarrie ist und nicht Luise. Auf dem Blog soll dieser Teil von mir ein Vorbild sein. Für Euch, aber auch für mich selbst.

Immer wieder wird angeprangert, dass die Modebranche und die Internetwelt zu oberflächlich wären. Zu geleckt. Und plötzlich regen sich Instagrammädchen über Instagrammädchen auf. Wir alle können keine nackten Beine auf weißer Bettwäsche in noch weißeren Zimmern mehr sehen. Wir wollen die Realität. Wir wollen etwas Echtes. Ich will mich nicht mehr anpassen, sagen alle im Chor. Perfekt geschminkte Gesichter auf Youtube, Outfits die vor Markenzeichen nur so strotzen. Jeder Blogger will plötzlich echt sein und ehrlich und erklärt, dass die Interior Bilder nur so toll aussehen, weil alles, was nicht zum Bild gepasst hat, in einer anderen Ecke der Wohnung liegt. Ich lese von zu vielen Kilos. Wir sind doch alle so nahbar.
Versteht mich nicht falsch, ich bin für Ehrlichkeit. Ich bin für Emotionen. Ich will auf Streetstylebildern lachende Gesichter und keinen betont gelangweilten Augenaufschlag sehen. Ich klicke nur Blogs, deren Texte mich packen. Aber auf die perfekt arrangierten Instagrambilder in meinem Feed will ich nicht verzichten. Und ich erwarte bei einem Blog scharfe und gut gemachte Fotos. 
Was mich stört ist, dass ich das Gefühl nicht los werde, dass dieses „Ich bin jetzt ehrlich und natürlich und eigentlich gar nicht so perfekt“, jetzt der neue Triangel Bikini auf Instagram, die neue Rebecca Minkoff Tasche auf Blogs ist. Und da sind wir wieder, wo wir eigentlich schon längst waren. 
Ich weiß nicht, wie es Euch geht, aber ich will keine Nahaufnahmen von Pickeln sehen, ich will nicht ständig die aktuellen Beziehungsprobleme meiner Lieblingsbloggerin hören und es interessiert mich nicht, in welcher Anordnung die Dreckwäsche nach dem Oufitshooting auf dem Boden landet. Und das ist für mich auch keine Leistung, wenn man die Linse plötzlich einfach mal auf das heimische Chaos hält. Das ist Alltag. Das kennt jeder von uns, hat jeder zu Hause. Dafür muss ich nicht meinen Laptop anmachen.

Zwar ist diese Modewelt, dieses Onlineuniversum, ja Scheinwelt mittlerweile zu meinem Arbeitsplatz geworden. Aber es ist noch viel mehr als das. Für mich ist das alles hier eine Traumwelt, die ich mir so herrichten kann, wie ich mir das wünsche. Hier kann sich jeder selbst überlegen, wie man sich geben möchte. Hier inszeniert man sich eben selbst. 
Ich schau’ mir gern Outtakes an, Behind-the-Scenes Bilder interessieren mich und auf Einblicke in Gefühlswelten will ich nicht verzichten. Aber lasst uns doch den großen Vorteil des Internets nicht vergessen: niemand sieht, was für Arbeit hinter dem gezeigten steckt. Lasst uns diese Leichtigkeit, die zwar dem Aufwand nicht immer gänzlich gerecht wird, aber dafür so wunderbar entspannend und inspirierend sein kann, beibehalten. Wir alle wissen, dass nicht alles Gold ist, was glänzt. 
Und deswegen schlendere ich auf den Bildern auch herrlich gemütlich über den Münchner Odeonsplatz. Wie ich mich an dem Tag gefühlt habe, verrat’ ich Euch jetzt nicht – würde ja meinen ellenlangen Ausführungen widersprechen. Aber: es war arschkalt und ja, auch ich muss meine Hose mal hochziehen. Super interessant, oder?

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Hose – Hollister / Pullover – Zara / Top – H&M / Tasche – Ralph Lauren / Mantel – French Connection / Schuhe – Forever21 / Schal – Burberry

Fotos – Annika Hö / annywhere photography

Kommentare

  • Lilli

    Ein toller Post! Und du hast vollkommen Recht – Augenzwinker 🙂

    15. März 2015
  • Petra

    da oben stehen (bei den löwen rechts) is übrigens verboten 😛
    – und einer der besten plätze in der stadt, ge?

    15. März 2015
  • Ich finde auch, wenn deine Bilder oftmals perfekt erscheinen, verkörperst du super viel Natürlichkeit.. Ich liebe deine Texte, weil sie immer so wunderbar ehrlich sind und ich versteh nicht, wenn Leute sagen alles sei perfekt bei dir (oder auch bei anderen) – 1. ist nichts und niemand perfekt und 2. jeder der deinen Blog regelmäßig verfolgt merkt auch, dass dort hinter dem Bildschirm ein ganz normaler Mensch sitzt, der auch mal Liebeskummer hat, verletzt ist und vor allem merkt man, dass du jemand sehr nettes sein musst, find ich 😀
    Du stehst mit beiden Beinen im Leben, hast dir etwas aufgebaut auf was du stolz sein kannst und auch solltest, du bist wirklich hübsch und ich kann nur nochmal sagen: Ich liebe deine Texte.. 😀 Ich denke jeder der dich dafür anklagt „künstlich“ zu sein, sollte sich mal eine ganz große Scheibe von deinem Selbstbewusstsein abschneiden, aber natürlich nicht zu viel – sonst bleibt für dich nachher nichts übrig.. Oo 😀
    Ich wünsch dir noch einen schönen Sonntagabend und bleib so wie du bist, denn dein Blog gefällt mir so wirklich sehr gut! 🙂

    15. März 2015
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