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Wir laufen über die Seebrücke.
Ich denke lange darüber nach – eine Brücke mit Ende. Was ist das für eine Brücke? Was für ein Leben? Zum Anlegen. Zum Ankommen. Aber das reicht mir nicht. Die Sonne verneigt sich und über uns segeln die Möwen Richtung Horizont. Meine Gedanken fliegen mit ihnen, bis ich mir die Frage stelle: Wohin?
Ich habe mir immer gewünscht, frei zu sein, fliegen zu können – bis ich feststellen muss, dass wir, ganz egal, wie wir uns fortbewegen, nie gänzlich frei sein werden, oder?

Vor ein paar Tagen noch munterte ich sie auf, dass alles möglich ist, das wir für jedes unserer modernen Probleme eine Antwort finden werden und wenn nicht, sei das auch nicht so schlimm – denn: irgendwie geht es weiter.
Vor knapp einem Jahr tauchte neben und mit mir eine riesige Schildkröte in die Tiefen des Ozeans.
Und jetzt stehe ich hier und zweifle sogar an der Freiheit der Vögel.
Merkwürdig. Wieso gerade jetzt?
Nichts hält mich. Ich könnte einfach in irgendeinen Zug steigen und weit weg fahren. Ich kann Nächte durchtanzen, ohne dass mich jemand dafür tadelt. Ich kann glauben, lieben, denken, was ich will.
Aber Freiheit hat in meinem Fall nichts mit Ländergrenzen zu tun. Nichts mit dem Alter. Nichts mit Religion. Aber womit denn dann?, schreie ich mich selbst an.

Menschen fliehen aus ihrer Heimat.
Und alles, was ihr für sie übrig habt, ist ein abwertender Blick?
Wie geizig geht ihr mit unserer Freiheit um? Wie verachtend mit diesem Gut, welches ihr selbst tagtäglich genießen dürft. 

Ich reise. Ich steige ständig in irgendwelche Flieger. Ich darf die Welt erkunden. Bin dankbar. Aber fühle mich nicht frei.
Ich möchte mich daran erinnern, wann ich mich das letzte Mal frei gefühlt habe und bemerke, dass mich dieses Gefühl vor gar nicht all zu langer Zeit besucht hat. Wie konnte ich das vergessen?
Als du gegangen bist. Als du mich endlich los gelassen hast. Als du mich das letzte Mal hingeworfen und mir dann endlich den Rücken gekehrt hast. Der Moment, als ich wusste, es ist endgültig. Du lässt mich – ein für alle mal – in Ruhe. Kein Grund zum Weinen mehr – außer: Erleichterung. Befreiung.
Konnte so lange nur mit dir zusammen Freiheit empfinden.
Und jetzt bist du endlich weg. Ich kann aufatmen.

Ein Pullover. Ein Bett. Eine Zahnbürste vielleicht.
Ein Stück Freiheit.
Der Eurotunnel.
Weitergehen. Laufen. Rennen.
Weil sie frei sein wollen.

Wie kann ich dieses Gefühl wieder herauskitzeln? Wie geht das ohne einen so langen Kampf, wie wir ihn austragen mussten?
Luxus – wir bemerken ihn nur dann, wenn wir darauf verzichten müssen.
Im Überdruss.
Kann man zu viel Freiheit haben?

Muss ich erst auf die Philippinen fliegen und Schildkröten finden?
Muss ich es nur endlich mal wagen Verträge zu kündigen, Kisten zu packen?
Oder werde ich den Schalter umlegen und endlich über den Tellerrand hinausblicken und über die Tischkante. Ich habe das Privileg, keine Mauern durchbrechen zu müssen – ich kann mich drauf stellen, drüber laufen, mich aufstützen und sehe all’ das, was da noch ist, was es zu erkunden gilt.  Ich kann mich hinter den Grenzen, die ihr mir gebt, verstecken. Finde Schutz. Die Hürden, die mir gestellt werden und ich für unüberwindbar halte, existieren in meinem Kopf.


Das ist nicht selbstverständlich.

whitejeans1hochladen1hochladen whitejeansFotos – Julie Schönewolf

Kommentare

  • Ein schöner Text, ich glaube nicht, dass man zu viel Freiheit haben kann, aber ich denke, dass man zu viel Besitz und zu viele Möglichkeiten auf einmal als bedrückend empfinden kann und dieser scheinbare Luxus dann als eine Last empfunden werden kann, die überfordert, obwohl man sich glücklich schätzen müsste.

    Die Bilder, die du mit dieser Fotografin machst gefallen mir übrigens immer besonders gut – sie macht das toll! Vielleicht kannst du ihr das ja einmal sagen <3

    10. August 2015
  • sehr cooler Look, mir gefällt das T shirt, ist mal was anderes 🙂

    10. August 2015
  • Wunderschön geschrieben. Ich kann deine Worte sehr gut nachvollziehen und bin immer wieder beeindruckt wie gut du deine Gedanken in Worte fassen kannst. Dein T-Shirt gefällt mir übrigens auch sehr gut.
    Liebe Grüße, Anne-Catherine
    http://www.fashcation.com

    10. August 2015
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