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Elbspaziergang.
Ich pflege zu sagen, dass mir Städte ohne einen markanten Fluss suspekt seien. Berlin zum Beispiel. Dann fällt es mir schwer, mich zu orientieren. Alt- oder Neustadt? Auf welcher Seite stehe ich? Wo muss ich lang? Wo sind die Brücken? Durstig.
Und ich pflege zu sagen, dass ich Dresden liebe und hasse zugleich. Dresden, meine Heimatstadt.
Was ich liebe? Die Elbe. Vom Blauen Wunder bis zur Brühlschen Terrasse. Was wären wir ohne die Elbe? Gäbe es den Canaletto Blick? Was wären wir mit noch weniger Brücken?

Ich muss drei Jahre alt gewesen sein, vielleicht vier. Zum Elbufer brauchten wir nur wenige Minuten. Ich kann mich kaum erinnern. Aber ich weiß noch genau, dass die Gräser der Elbwiesen höher waren als ich. Dann sind wir drei durch’s Gras gestapft und hatten plötzlich eine Wohnung unter freiem Himmel. Eine kleine heile Welt. Bastelten eine Flaschenpost und schickten sie auf Reise. Ob sie je angekommen ist?

Wir schreiben das Jahr 2002. Das Wasser steht uns bis zum Hals. Angst. Eine Woche haben wir nur Milch getrunken, auf dem Balkon die Tiefkühlpizza gegrillt. Mittlerweile ist es 13 Jahre her, dass meine Mama weinend auf dem Balkon saß und draußen habe ich die Männer schreien hören. 

Auf dem Flohmarkt am Elbufer, unterhalb der Albertbrücke. Hier habe ich meine Kindheit verabschiedet. Und als das kleine dicke Mädchen mit meinem Barbie Flugzeug davon gestapft ist, wäre ich zwar am liebsten hinterher gerannt und hätte es ihr wieder aus den Händen gerissen, habe aber auch begriffen, dass Erinnerungen nicht an Gegenständen hängen, sondern an mir, an Menschen.

Ein warmer Sommerabend. Viel zu schön, um ihn allein zu verbringen. Du hast mir wieder nicht geantwortet. Meine Einsamkeit war Dir völlig egal. Danke, dass du aber da warst, T. Ich lache, ich vergesse, dass zu Hause niemand mehr auf mich wartet. Und plötzlich sehe ich Dich. Dort hinten. Und hältst sie an der Hand. Es führt kein Weg vorbei. Mein Herz bricht. Ich kann die Tränen nicht halten. Die Sonne glitzert in den trägen Wellen der Elbe.

11 Jahre später. Die gleiche Situation. Irgendwie. Es regnete seit Tagen. Gerade als mir die Augen zufielen, hörte ich die Sirene. Sie kam immer näher. „Bringen Sie sich und Ihr Hab & Gut in Sicherheit.“ Einziger Unterschied? Meine Schwester lag nicht im Doppelstockbett über mir, meine Mama saß nicht auf dem Balkon. 

Hier hat mich meine Mama mal mit einer Zigarette erwischt, als ich noch viel zu jung zum rauchen war. Hier haben wir uns verliebt und den ganzen Nachmittag rumgeknutscht. Und als Du weggeflogen bist, habe ich Dir von hier aus gewunken.
Flüsse sind eigenwillig. Du kannst entscheiden, ob Du mit dem Strom schwimmst. Lass Dich treiben. Gelegentlich.

Ein Zufluchtsort, der voran treibt.

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Mantel – French Connection / Strickjacke – FashionClub / Top – Zara / Jeans – Hollister / Schuhe – UGG Australia / Tasche – Ralph Lauren / Uhr – Marc Jacobs 
Fotos – Julie Schönewolf 

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Kommentare

  • Tolle Bilder und ein wunderbarer Text, der so viele Erinnerungn in sich trägt. Du bist eindeutig die Bloggerin, mit den schönsten und bewegensten Texten.

    Liebe Grüße
    Luise von http://www.just-myself.com

    16. Februar 2015
  • Ich bin auch ein Wasser-Mensch.
    Als ich in Hamburg gelebt habe war ich ständig bei Wind und Wetter
    an der Alster oder am Hafen. Das hat mich immer sehr beruhigt und ließ mich für kurze Momente
    alles um mich rum vergessen. Jetzt habe ich in München den Eisbach, die Isar und viele Seen
    um mich rum und fühle mich pudelwohl. Vor diesen „Schattenseiten“, wie du sie erlebt hast,
    blieb ich glücklicherweise bisher verschont.
    Ich muss echt sagen, dein Schreibstil ist Poesie. Unglaublich schön und angenehm.
    Das habe ich in dieser Art erst auf sehr wenigen Blogs erlebt.

    Liebe Grüße!

    16. Februar 2015
  • Sehr berührend, danke! Mir geht das mit den Flüssen auch so, und ich kann mir auch nicht vorstellen, in einem Ort zu leben, der nicht an einem Fluss liegt, auch wenn der Fluss bei uns daheim ein schmalerer ist … Auch ich verbinde viele Erinnerungen mit „meinem“ Fluss und er vermittelt mir vor allem das Gefühl von Heimat. Ich liebe das breite Farbspektrum, dass mein Fluss mir bietet und bin auch immer wieder erstaunt darüber, wie unterschiedlich die Menschen auf der jeweiligen Seite des Flusses sprechen. Und meine Kindheit ohne meinen Fluss? Wäre definitv weniger abenteuerlicher gewesen 🙂 Von Hochwassern wurden wir im Gegensatz zu Euch glücklicherweise verschont, da die Wasserstandshöhe meines Flusses von vielen Stauwerken samt Stauseen reguliert werden kann. Ich werde jetzt noch weiter ein wenig über meinen Fluss sinnieren und sage Dir nochmal von Herzen danke für diesen wunderschönen Post, auf dem auch Du wieder richtig klasse aussiehst!
    Liebe Grüße, Rena
    http://www.dressedwithsoul.com

    16. Februar 2015
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