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Es ist ein heißer Sommertag gewesen. Wir haben gerade zu Abend gegessen und spazieren jetzt den Strand entlang. Der gerade dabei ist sich abzukühlen. Die letzten Menschen packen ihre Sachen zusammen und brechen auf. Oder kommen gerade an, um gleich der Sonne beim Untergehen zuzusehen. Alles ist bereits in ein sanftes Abendlicht getaucht und sieht so friedlich aus. Kaum etwas verrät, wie heiß sie heute geschienen hat. Die Sonne. Außer unserer roten Wangen und strahlenden Augen. „Sieht das herrlich aus! Kannst Du ein Foto machen?“ Und ich springe vor Euphorie den Strand entlang, lass meine Schuhe fallen und balanciere auf die Buhne. Der untergehenden Sonne entgegen. Beim neunten oder zehnten Holzpfahl werde ich bereits langsamer, zaghaft. „Ist das rutschig!“ Ich drehe mich um zu den anderen und lache. Gehe vorsichtig weiter. Fürs Urlaubsfoto. Aus Spaß. Und das Wasser klatscht gierig gegen das alte Holz. Und dieses trägt mich. Es trägt mich sicher. „Weiter trau ich mich nicht!“, rufe ich.
Und gehe zurück.
An Land.
Endlich wieder festen Boden unter den Füßen.
Deutschland. 

Später am Abend. Frisch geduscht und trotzdem noch Sand zwischen den Zehen. Die Haare sind noch feucht und ich trinke eine Tasse kalten Tee. Der Fernseher der sporadisch eingerichteten Ferienwohnung ist so klein, dass man kaum etwas lesen kann. Die Übertragung so schlecht, dass man sich jedes Mal ein Jahrzehnt mindestens zurückversetzt fühlt. Und trotzdem durchdringt mich sein Blick. Oder ist es das, was er sagt: „Wenn ich ertrinke, dann dauert das fünf Minuten. Das geht schnell. Davor habe ich keine Angst. Wenn ich hierbleibe, dann sterbe ich. Über 10, über 20 Jahre hin. Langsam. Qualvoll. Also: steige ich in dieses Boot. Natürlich steige ich in dieses Schlauchboot.“
Die Worte hallen nach in meinem Kopf.
Lange nachdem der Beitrag beendet ist und es um die europäische Hitzewelle geht.
Ich habe Gänsehaut. 

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„An dem See ist neulich jemand ertrunken. 25 Jahre alt. Ich will da irgendwie nicht hin – stell Dir das mal vor. Da liegt `ne Leiche drin und Du liegst seelenruhig am Badestrand. Ist doch gruselig, oder nicht?.“ Wir alle nicken. Und entscheiden uns an einen anderen See zu gehen.
Wohlwissend, dass es nicht unwahrscheinlich ist, dass da noch nie jemand ertrunken ist.
Und drei Wochen später sitzen wir im Flieger nach Mallorca.
Mallorca. Die siebtgrößte Insel im Mittelmeer.
Und Sardinien.
Korsika.
Amalfiküste.
Urlaub.
Herrlich.
Seele baumeln lassen. Und die Füße im Mittelmeer.

Allein in diesem Jahr sind mehr als 1500 Menschen im Mittelmeer ertrunken.
1500 Leichen. 

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Ich gehe etwas eher nach Hause als die anderen. Denn seit ich gehört habe, dass mein Lieblingsfilm heute 20:15 Uhr im Fernsehen läuft, ließ mich der Gedanke nicht los, es sei doch einen Versuch wert, meinen kleinen Fernseher aus Studententagen anzuschließen und seit langem den Abend mal wieder mit einem Film ausklingen zu lassen.
Dem Film.
Meinem Lieblingsfilm.
Titanic.
Ich öffne die Schublade, in dem der kleine Bildschirm verstaut ist, krame das entsprechende Kabel aus der Box und stecke zuversichtlich alles in die Dose direkt neben meinem Bett. Und siehe da: der Fernseher springt an.
Ich schalte auf die vier und: Kate Winslet strahlt gerade in die Kamera.
Es ist bereits 20:52 Uhr.
Und ich tauche ein in eine Welt vor meiner Zeit.

Kommentare

  • Hallo, Luise,

    So schönes Bild, lässt mich über Lebenspläne nachdenken, aber gleichzeitig, fühle ich mich wohl und warm.

    Vielen Dank,
    Annete

    14. August 2018
  • Toller Text der einen nachdenken lässt. Das Bild ist wunderschön!
    Liebe Grüsse,
    Sarah Marie / http://www.xoxsarahmariex.com

    13. August 2018
  • Olivia

    Luise, ich finde es toll, wie du hier die politische Botschaft verpackst. Zwischen Sonnenuntergängen, feuchten Haaren und Titanic. Ein so gehaltvoller und vielschichtiger Beitrag zugleich. Danke!

    13. August 2018
Seiten:1 2 3 3.749
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