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Luise Morgeneyer - Kleinstadtcarrie | Photo: Ben Gierig www.ben-gierig.de

Ich habe Dich anderthalb Jahre lang nicht gespürt. Nicht gewusst, wie es Dir wirklich geht.
Wir haben jetzt vier Wochen nicht miteinander gesprochen.
Ich habe Dir nie gesagt, wie sehr mir das wehgetan hat. Habe mich zurückgezogen.

Wir haben uns aus den Augen verloren. Nicht irgendwie. Wir wissen beide, weshalb. Plötzlich gab es da unterschiedliche Weltanschauungen. Einen Mann. Diese Lüge, die irgendwie doch giftiger  für uns war, als wir dachten. Wir haben uns aus den Augen verloren, eine Hand losgelassen. Du bist ausgeflogen. Immer wieder. Du hast gelernt. Und bist zu jemandem geworden, den ich nicht immer wiedererkannt habe. Ich habe Dir nie von unserem ersten Mal erzählt oder wieso ich mich verliebt habe. Es ist passiert, und Du wusstest nichts davon. Das war der Grund, weshalb ich mich manchmal gefragt habe, ob das gerade überhaupt wirklich passiert. Kann das überhaupt echt sein, wenn Du es nicht verstehst. Weil Du es nicht weißt. Du es nicht mitfühlst.
Wir sind durchs Leben gegangen und dann „war sie mal eine Freundin von mir“. Ich habe versucht gelegentlich durch Deine Augen zu blicken, aber dann hast Du sie zugeschlagen. Du hast angerufen, aber meine Hintergrundgeräusche waren zu laut. Blätterrauschen. Wir haben etwas versäumt. Fehler gemacht. Sie uns vielleicht sogar eingestanden, und dann im Raum stehen lassen. Es ist Gras über die Sache gewachsen. Festgewachsen. Nicht aus dem Weg zu räumen. Und dann sind wir abgebogen, in unterschiedliche Richtungen. Das Dickicht hinter uns lassend.

Ich habe Dich anderthalb Jahre lang nicht gespürt. Nicht gewusst, wie es Dir wirklich geht.
Wir haben jetzt vier Wochen nicht wirklich miteinander gesprochen.
Ich habe Dir nie gesagt, was mir wehgetan hat. Hab mich zurückgezogen.

Plötzlich stehst Du wieder vor mir. Echt. Hier im Irgendwo. Irgendwo im Leben. Eine Lichtung. Einfach so. Mir schießen die Tränen ins Gesicht. Ich sehe Dich doppelt. Dreifach. „Was machst Du hier?“ Wir fallen uns in die Arme. Und zwischen uns zerplatzen die Anschuldigungen wie Seifenblasen. Einfach gelöst. Wut vermischt sich mit Wiedersehensfreude. Erwartungen werden im Moment der Berührung gestillt. Wir haben uns so lange nicht gesehen. Du hast nicht nur eine neue Haarfarbe. Der neue Job. Eine Brille. Du hast eine neue Lachfalte und das macht mich froh. Und ein gebrochenes Herz. Ich sehe getrocknete Tränen auf Deiner Wange, die ich nie weggewischt habe. Salzkruste, die unser Versäumnis manifestiert. Meine Augen: zur Zeit ziemlich grün. Eine neue Schriftart in meinem Herzen. Und der Pony ist rausgewachsen, weil Du mir den früher immer geschnitten hast. 

Wir waren enttäuscht voneinander, weil wir nicht die ganze Zeit begeistert voneinander waren.
Wir sind einander aus dem Weg gegangen, weil wir nicht das selbe Tempo halten konnten.
Haben uns nicht mehr alles erzählt, weil das Leben zu viele Geschichten auf einmal geschrieben hat.

Jetzt stehen wir hier. Voreinander oder nebeneinander. Miteinander. Wieder.
Unser Lachen im Einklang.
Stimmgabel wiedergefunden.
Gleichschritt so weit es geht.
Wir sind hier oben. Wir sind jetzt gerade zusammen hier oben. Und unten zugleich. Wir sind jetzt gerade hier an diesem Punkt und vielleicht ziehen wir eine Linie daraus. Drehen uns im Kreis.
Wir sind hier oben. Miteinander. Wieder.
Manchmal ertappe ich mich dabei, hinunterzusehen: Da schwimmt noch immer ein bisschen Schmerz in Deinen Augen. Ich spüre ein leises Stechen, wenn ich mich zu weit nach vorne lehne. Es wird geredet vielleicht. Jetzt ist Herbst und Du erzählst in schillernden Farben von dem Sommer, den ich nicht erlebt habe. Eine Kastanie in unserer Jackentasche. Aus dem letzten Jahr. Ich sehe hinunter. Scherbenhaufen für manche. Doch das sind die Nadeln der Tannen. Und wenn man es richtig macht – behutsam, sanft und geduldig –  kann man sogar barfuß darüber gehen.
Ich erkenne das und dann schüttle ich meinen Kopf und alle Sorgen davon.
Blätter fallen. 

Wir alle sind egoistisch.
Mal frisch verliebt.
Ausgelaugt. 

Wir blicken auf eine schier endlose Aneinanderreihung von gemeinsamen Erfahrungen zurück. Erfahrungen und Fehlern. Streitereien. Auseinandersetzungen. Wunden, die wir einander  zugefügt haben. Wunder, die wir uns einander zugefügt haben.
Es tut mir weh, wenn Du verletzt bist. Es zieht und zerrt, wenn wir in unterschiedliche Richtungen gehen. Aber es gibt Momente im Leben, in denen wir das aushalten müssen. Es gibt Phasen, Erlebnisse, Erfahrungen, Reisen, Beziehungen, Herausforderungen, Menschen, Städte und Sternschnuppen , die wir nicht teilen können
– nicht, weil wir sie dem anderen nicht gönnen.
– nicht, weil wir egoistisch und gierig sind.
– sondern weil sich das schlichtweg nicht verträgt. Weil wir Lektionen erteilt bekommen, von denen wir uns später erzählen können. Wertschätzung wieder erlernen müssen. Grenzen testen. Vermissen begreifen. Freundschaft spüren. Denn die hört nicht einfach auf. Freundschaft ist nicht so einfach zu erlegen. Unsere jedenfalls nicht. Sie kommt ins straucheln, erblasst manchmal, aber ist immer da.
Also ja, Freundschaften sind zart. Verletzlich. Aber sie sind auch zäh. Freundschaften sind verdammt zäh. Wehleidig manchmal, aber vor allem haben sie doch ziemlich viel Druchhaltevermögen. Jahresringe. Manche dicker. Und Dünnere. Die von unserer Zeit erzählen. Uns zusammenhalten. Durststrecke. Und dann wieder: Anstoßen! Freundschaft – sie ist trotz aller Meinungsverschiedenheiten, Enttäuschungen, Wegsehen, Fernhalten, Drauftreten da. Baumwipfel neigen sich im Wind. Nadeln. So viele Nadeln. Äste krachen zu Boden. Sanftes Moos. Und dieses magische Licht.
Mischwald.

Liebesbeziehungen nicht in Baumrinden ritzen! Gießen! Reden! Spechte verscheuchen! Kastanien sammeln, keine Beeren!
Auf Harz vertrauen. Den Kreislauf verstehen.
Emsig Vorräte sammeln.
Aufbrauchen.
Mischwald. 

IMG_0117 KopieIMG_0059 KopieIMG_0049 KopieLuise Morgeneyer - Kleinstadtcarrie | Photo: Ben Gierig www.ben-gierig.de IMG_0030 KopieIMG_0033 Kopie

Kommentare

  • Kim

    Sehr schöner Beitrag! Habe mich irgendwie sehr verstanden gefühlt. Und irgendwie schwingt da auch etwas Nostalgie und Heimlichkeit mit hoch, vermutlich wegen der älteren Bilder. Hab mich jedenfalls gefreut hier wieder was von dir lesen zu können.

    Liebe Grüße und einen schönen Start in die Woche,
    Kim

    http://maybetoday.de

    5. November 2018
  • Fiona

    Ein so wunderbarer Text, Luise!
    Oft musste ich Tränen wegblinzeln, um weiterlesen zu können.

    Liebe Grüße
    Fiona

    5. November 2018
  • Vivian

    Wow, was für ein Text! Ich habe eine sehr ähnliche Situation mit einer Freundin durchgemacht und hatte gerade beim Lesen einen richtigen Kloß im Hals, weil du genau das in Worte gefasst hast, was mir schon seit Jahren im Kopf rumgeschwirrt ist, ich aber nie ausdrücken konnte. Du hast einen unheimlich tollen Schreibstil und eine wunderschöne Bildsprache!
    Danke für diesen Text und alles Liebe <3

    5. November 2018
Seiten:1 2 3 132
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